Studierende für die Sammlung Online

Die Fotografie zeigt die Sammlungspräsentation im Kunstmuseum Stuttgart.

Ein Praxisseminar der Universität Stuttgart am Kunstmuseum Stuttgart

Wie vermitteln Museen kunsthistorische Inhalte im digitalen Raum? Welche Ansätze verfolgen die Institutionen dabei? Und wie schreibt man eigentlich einen guten Werktext?

Diesen Fragen widmeten sich im Sommersemester 2023 Studierende der Universität Stuttgart im Praxisseminar »Texten für die Sammlung Online des Kunstmuseum Stuttgart«. Die Übung gab Einblicke in die digitale Strategieplanung für Museen und Hintergrundinformationen zur digitalen Sammlungspflege am Beispiel des Kunstmuseum Stuttgart. Darüber hinaus wurden die Studierenden selbst zu Autor:innen für die Sammlung Online. Der hier angelegte Raum dokumentiert die Ergebnisse der Kooperationsveranstaltung und versammelt die Textbeiträge der Beteiligten.

Die Lehrveranstaltung am Institut für Kunstgeschichte und am Kunstmuseum Stuttgart fand unter der Leitung von Dr. Marie-Luise Zielonka (Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin) in Kooperation mit Dr. Sabine Gruber (Stellvertretende Direktorin und Sammlungskuratorin, Kunstmuseum Stuttgart) statt.

Raumansicht

Über das Seminar

Von der Konzeptentwicklung der digitalen Strategie eines Museums bis zur Umsetzung ist es ein langer Weg: Die digitale Erschließung einer Kunstsammlung mit über 15.000 Werken ist eine wahre Mammutaufgabe. Neben den erforderlichen Fotografien aller Objekte gilt es insbesondere Texte zu verfassen, die die jeweilige Arbeit aussagekräftig beschreiben. Wie aber verfasst man einen solchen Werktext? Wie komplex darf er formuliert sein? Welche Zielgruppe(n) möchte man erreichen? Direkt vor Ort im Kunstmuseum Stuttgart, diskutierten die Studierenden diese übergeordneten Fragestellungen. Gemeinsam mit den Fachexpertinnen Dr. Sabine Gruber (Sammlungskuratorin und stellvertretende Direktorin, Kunstmuseum Stuttgart) und Corina Langenbacher (Projektleiterin Digitale Kultur, Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg) tauschten sie sich über die Relevanz und praktische Umsetzung von digitalen Strategien aus. 

Die Übung blieb jedoch nicht in der Theorie verhaftet, sondern gab den Studierenden Gelegenheit, selbst für die Sammlung Online des Kunstmuseums zu schreiben und somit das Gelernte direkt anzuwenden. In Kurzreferaten näherten sich die Beteiligten ausgewählten Kunstwerken aus der aktuellen Sammlungspräsentation und verfassten im zweiten Schritt Werktexte, die ein professionelles Lektorat durchliefen. 

Die beteiligten Studierenden und Autor:innen

Judith Ahlers        Viona Bauch        Christine Annette Brenner        Anna Kammerer

      Clara Victoria Kliem          Cosima Nöschel          Yvonne Sheena Peschko

Duygu Savaştürk      Alexandra Stukan        Julia Wegelin         Nina Welsch

Interieur mit Banane Otto Schauer 1953

Otto Schauer zeigt in seinem 1953 fertiggestellten Werk »Interieur mit Banane« eine alltägliche Szene in schlichter Umgebung. Das Motiv zeigt den Teilbereich eines kleinen Raums, der mit Möbeln und Gegenständen zugestellt ist. Es sind keine Türen oder Fenster zu sehen. Im Fokus steht lediglich das Mobiliar: ein Stuhl und ein Sessel, die beide als Ablage genutzt werden. Auch auf dem Boden liegt verteilt Geschirr und verschiedene Gefäße sowie eine Bananenschale. Eine aufgeschlagene Zeitung verdeckt die Gegenstände teilweise. Hierdurch wirkt das Motiv mehr wie eine zufällige Situation und weniger wie eine für das Bild zusammengestellte Szene.

Zum Entstehungszeitpunkt des Werks lebt und arbeitet der Künstler Otto Schauer in Paris, wo er ein eher einfaches und dürftiges Leben führt. In dieser Zeit sucht er nach einem eigenen künstlerischen Stil. Hierfür wendet er sich von der Abstraktion seines Lehrers Willi Baumeister ab und gibt sich der Figuration hin. Seine Motive findet er in seinem direkten Lebensumfeld in Paris. Auf der Suche nach Verwirklichung wird seine Arbeit zu einem ständigen Prozess des Beobachtens und Wahrnehmens seiner Umgebung. In seinen Werken versucht Schauer, die ungeschönte materielle Wirklichkeit zu malen, die er selbst vor Augen hat. Das Werk »Interieur mit Banane« zeigt dies deutlich. [Judith Ahlers]

Mit vier Spielern Fritz Genkinger 1967 - 1968

Wo sind denn die vier Spieler, die Fritz Genkinger im Werktitel seines Gemäldes benennt? 

Klar abgegrenzte Formen, Flächen und einzelne Körperteile erstrecken sich über die Bildfläche und verbinden sich zu einer mehrdeutigen Komposition. Der Blick wird unmittelbar auf die helle Figur gelenkt, die diagonal ins Bild gesetzt ist. Auf ihr prangt eine rote Acht, die von einer aus dem unteren Bildrand ragenden Hand verdeckt wird. Ein Kopf in der rechten Bildhälfte starrt wie gebannt auf die beiden bunten Halbkreise in der linken Bildhälfte. Bei der genaueren Betrachtung des Gemäldes wird zudem ein Fuß erkennbar, der sich eng an den unteren Halbkreis schmiegt. Die statisch-geometrischen Figuren erweisen sich als vier Spieler, die allein durch einzelne Körperteile sichtbar werden. Fritz Genkingers Komposition ist ein Spiel mit Körpern und Geometrie, Hell und Dunkel, Bewegung und Ruhe. Sein Motiv ist fixiert auf das Spielfeld, auf dem der Kampf um den Sieg und den Triumph ausgetragen wird.

Sportbilder sind ein widerkehrendes Thema im Schaffen Genkingers, denen er sich als freischaffender Künstler ebenso wie als Gebrauchsgrafiker widmet. Ihnen gemein ist ein unverwechselbarer Stil auf der Grenze zwischen geometrischer Figuration und Abstraktion. Hiermit zählt er zum engeren Kreis der Neuen Figuration, die sich in Karlsruhe um HAP Grieshaber, Herbert Kitzel und Wilhelm Loth formiert. Besondere Bekanntheit erlangt sein Werk durch diverse Aufträge für wichtige Sportereignisse. So gestaltet er beispielsweise 1974 drei Plakate für die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, 1976 eine Briefmarkenserie für die Winterolympiade in Paraguay und eine 12-teilige Serie von Siebdrucken für den VFB Stuttgart. [Viona Bauch]

Das dreidimensionale »Dia-Objekt« von Marie-Luise Heller besteht aus zwei runden Acrylglasscheiben, die in der Mitte durch einen runden Stab miteinander verbunden sind. Ungefähr drei Viertel der Scheiben sind in geschwungener Form mit Sprühlack in den Farben Orange und Gelb sowie Schwarz und Weiß überzogen. Die restliche Fläche bleibt jeweils transparent. Die Scheiben sind so angeordnet, dass die durchsichtige Partie der vorderen Scheibe durch die hintere, die an dieser Stelle besprüht ist, ergänzt wird. Dadurch entsteht eine spiralförmige Wirkung, die Tiefe erzeugt und den Eindruck von Bewegung entstehen lässt. Dieser Effekt wird durch die runden Scheiben und die zur Mitte kleiner werdenden Farbflächen noch verstärkt. Er ist von beiden Seiten des Objekts wahrnehmbar.

Das »Dia-Objekt« zählt zur gleichnamigen Werkgruppe, die Heller ab den 1960er-Jahren entwickelt. Zu dieser Zeit arbeitet sie intensiv mit Acrylglas und findet nach einer experimentellen Phase zu geometrischen Formen, die optisch Räumlichkeit erzeugen. Inspiriert von Vertreter:innen der Op-Art, wie Victor Vasarély, und fasziniert von den optischen Täuschungen M.C. Eschers, fügt sie ihrer Malerei plastische Qualitäten hinzu. [Christine Annette Brenner]

Dia-Objekt Marie-Luise Heller 1968
o.T. (Affe) Dieter Krieg 1979 - 1981

Ein orange-brauner Affe fügt sich kontrastreich in einen grün-blauen Hintergrund aus Pinselspuren und Farbklecksen ein, die an einen Dschungel erinnern. Deckende Farbschichten wechseln sich mit lasierenden ab. Die dunklen Schatten im Fell des Tieres werden farblich durch breite schwarze Pinselstriche ergänzt, die wie Blätter vom oberen Rand des Bildes in die Darstellung hereinragen. Aufgrund der schwungvollen, skizzenhaften Malweise, wohnt dem Bild ein spontaner Moment inne, wie es für Action Paintings charakteristisch ist. Durch den groben Farbauftrag lässt sich vieles nur erahnen. So scheint es, als hielte der Affe eine Tube roter Farbe in seiner Linken und darüber lässt sich vielleicht sogar ein Pinsel erahnen. Indem Dieter Krieg das Motiv auf den Affen und die Tube beschränkt und es »ohne Titel« bezeichnet, entzieht er es einer klaren Deutung. Anstelle des Inhalts wird die Malerei selbst in den Fokus gerückt. Dies gelingt Krieg insbesondere durch die für ihn charakteristische Banalität seiner Motive, die im Kontrast zu ihrem außergewöhnlich großen Format stehen. Das Gemälde überwältigt seine Betrachtenden mit einer Höhe von 2,5 Metern und einer Breite von 1,8 Metern.

Kriegs Affe wird charakterisiert durch einen expressiv-figurativen Stil, die motivische Beschränkung auf das einfache Tiermotiv, einen groben Farbauftrag sowie eine monumentale Größe. Damit ist es ein typisches Beispiel für diese Werkphase, welche sich deutlich von früheren unterscheidet, bei denen Krieg eine sehr feine Malerei umsetzt. Dieter Krieg gilt als Vertreter der Neuen Figuration, eine Stilrichtung, die sich in Abgrenzung zur gestischen Abstraktion in der Malerei der Nachkriegszeit an der Kunstakademie Karlsruhe um HAP Grieshaber gebildet hat. [Anna Kammerer]

Im Zentrum des Ölgemäldes »Dame in Rot« steht eine weibliche Figur, umgeben von abstrakt dargestellten Häusern und Pflanzen. Auffällig ist das rote Kleid, das den Körper schwungvoll umgibt und den Blick der Betrachtenden auf sich zieht. 

Das Zusammenspiel von Farbe, Form und Bewegung stellt ein Gleichgewicht zwischen scheinbar gegensätzlichen Elementen her, wie den komplementären Farben Rot – Grün, Blau – Orange oder Violett – Gelb und den kantigen Häusern, die mit den geschwungenen Pflanzen kontrastieren. Obwohl die Gebäude im Hintergrund einzustürzen scheinen, erzeugt das Bild durch seine Farbigkeit ein Gefühl der Freude. 

Die Beschäftigung mit dem tieferen Zusammenhang von Farbe und Form gewinnt bei Ackermann seit seinem Umzug nach Stuttgart im Jahr 1912 an Bedeutung. Er kommt in Kontakt mit Adolf Hölzel und findet in dessen Thesen wegweisende Antworten für sein eigenes künstlerisches Schaffen. In Ackermanns Werk spiegelt sich zudem ein Interesse an rhythmischen Formen und Bewegungen, die in Beziehung zueinander gesetzt werden. Angeregt wird er dabei durch den zeitgenössischen Ausdruckstanz und die Rhythmus- und Bewegungslehre des Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze. [Clara Victoria Kliem]

Dame in Rot Max Ackermann 1917

Die weiß grundierte Leinwand ist mit Postaufklebern versehen und zeigt Gebrauchsspuren. Das Werk gehört zur Serie der »Mailed Paintings«, in der Karin Sander seit 2004 den herkömmlichen Weg des Kunstschaffens hinterfragt und stattdessen eine alltägliche Handlung, die des Postversands, mit einbezieht. Die bis auf die Grundierung unbehandelten Leinwände werden unverpackt zum Ausstellungsort verschickt. Dort angekommen sind sie gekennzeichnet von den Spuren des Transportwegs: sie werden zu Abbildern ihrer Reise. Doch selbst am Ausstellungsort ist das Werk nicht fertig. Es befindet sich im ständigen Modus des Ausgestelltwerdens, ist dadurch äußeren Einflüssen ausgesetzt und verändert sich zwangsläufig mit der Zeit. Sander bezeichnet ihre »Mailed Paintings« »als sich selbst schreibende Tagebücher, die die Reise dokumentieren, die die Kunstwerke durchleben«. In ihrer Serie führt Sander ihre Leinwände in unterschiedlichen Größen und Formen aus. Dem immer selben Konzept folgend setzt die Künstlerin sie dem gleichen Prozess aus, wodurch die Spuren der Zeit lesbar werden. 

Karin Sander, die unter anderem an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studiert hat, zählt zu den bekanntesten in Deutschland lebenden Konzeptkünstler:innen. Ihre Arbeiten greifen oft etablierte Muster der Kunstwelt auf. So befasst sie sich häufig mit den Mechanismen des musealen Ausstellens und entwickelt ortsspezifische Interventionen, die Besucher:innen zum Mitmachen anregen. [Cosima Nöschel]

Mailed Painting 125 Karin Sander 2012
ROKSHU Dave Bopp 2017

In Dave Bopps großformatigem Bild »ROKSHU« fließen einzelne wellenartige Formen ineinander. Sie sind in eher dunklen Farben gehalten und stellenweise von hellen kleineren geschwungenen Strukturen durchzogen. Die Farben durchdringen sich gegenseitig in weichen und fließenden Bewegungen, sind aber gleichermaßen durch scharfe Grenzen voneinander abgesetzt. Es ist eine exakt angelegte Komposition, die gleichermaßen von Verknüpfungen und Abgrenzungen bestimmt wird. Einem All-Over-Prinzip folgend, ist sie über die gesamte Bildfläche hinweg ausgeführt. Damit entsteht ein Moment der optischen Verwirrung. Der Blick wird nicht auf ein bestimmtes Element gelenkt, sondern verliert sich in der Fülle des Gesamteindrucks. Die Vielschichtigkeit des Motivs ist bereits aus der Ferne erkennbar. Aber auch im Kleinen – in feinen Rissen, in Luftbläschen und fließenden Farbverläufen – ist die Komplexität des Großen angelegt. So stellt sich bei der Betrachtung von Bopps Werken eine Art visuelle Überwältigung ein, die durch die gewaltige Größe seiner Bilder noch gesteigert wird. Sie findet sich auch im Werk selbst wieder: Es ist ein Spiel zwischen kräftigen Farben und Strukturen, in dem sich Wachstum und Zerfall abwechseln. Dieser Eindruck wird durch die intensiven Farben und die glatte Oberflächenbeschaffenheit der Acrylharzlacke gesteigert, die Bopp verwendet. Er trägt sie in unzähligen Schichten auf Aluminiumverbundplatten auf. [Yvonne Sheena Peschko]

Die Plastik »)wss(« von Mélanie Lachièze-Rey geht aus einer Zeichnung hervor. Die zweidimensionale Form auf dem Papier übersetzt sie schrittweise ins Dreidimensionale. Das Werk entsteht Schicht für Schicht wodurch sich Linien im Material ergeben, die in der fertiggestellten Plastik sichtbar bleiben. Bei der Umsetzung ins Dreidimensionale variiert sie verschiedene Werkstoffe, nutzt Sperrholz, das sie mit Leim verbindet, trägt Spachtelmasse auf und überzieht die Oberfläche mit Lack. In ihrer künstlerischen Praxis verbindet sich plastisches Arbeiten mit malerischen Komponenten. Lachièze-Rey entwickelt abstrakt-organische Formen, die Raum zur Interpretation lassen. Obwohl die Plastik als solche statisch ist, fesselt sie gleichzeitig durch ihre dynamische Form. Ihre Symmetrie und sanften Krümmungen erinnern mitunter an Körperorgane, wodurch eine Beziehung zwischen dem Werk und dem Betrachtenden entsteht. Für ihre Werke verzichtet Lachièze-Rey auf Sockel und platziert sie direkt auf den Boden. Hiermit möchte sie die Plastik gezielt in den Raum wirken lassen und sie auf einer Ebene mit den Betrachtenden verorten. Dies schafft einmal mehr eine harmonische Verbindung zwischen der Plastik und den Betrachtenden und steigert die Wirkung des Kunstwerks. [Duygu Savaştürk]

)wss( Mélanie Lachièze-Rey 2009
Schokoladendurchhänger Meuser 2018

Das plastische Bildobjekt »Schokoladendurchhänger« des Künstlers Meuser besteht aus Stahl, der mit Rostschutz behandelt und mit Ölfarbe bestrichen wurde. In dem aus Stahlteilen zusammengeschweißten rostbraunen Rahmen befindet sich eine hauchdünne Platte. Sie scheint zusammenzufallen und sich wie ein dünnes Blatt Papier aus dem Rahmen zu lösen. Ihre Ränder wirken ausgefranst. Im »Schokoladendurchhänger« geht es um das Spiel mit Gegensätzlichkeit und Doppeldeutigkeit: Die geschwungene Form trifft auf den starren, robusten Rahmen. In Verbindung mit dem Werktitel lässt sie an geschmolzene Schokolade und deren Vergänglichkeit denken. Im Kontrast dazu steht der beständige Werkstoff Stahl und die starre Form des umspannenden Rahmens. Die nüchterne Form des Bildobjekts wird unterwandert durch den humorvollen Werktitel, der gezielt Erinnerungen hervorruft und Raum zur Interpretation gibt. 

Meuser arbeitet überwiegend mit gefundenem Metallschrott und erkundet dessen Ausdrucksmöglichkeiten. Häufig lenkt er dabei die Betrachtung seiner eigentlich abstrakten Plastiken durch ironische Titel. Die Schnittstelle von flachem Bild und freier Skulptur betont Meuser wiederholt, indem er seine dreidimensionalen Objekte an der Wand montiert. Breits während seines Studiums bei Joseph Beuys und Erwin Heerich an der Kunstakademie Düsseldorf etablierte sich sein Künstlername »Meuser«. [Alexandra Stukan]

Die Plastik »Spannungsfeld« von Gert Riel entsteht als Teil der Werkgruppe »Spannungsfelder«. Die Arbeit besteht aus einer rechteckigen gebogenen Stahlplatte mit einer schmalen Öffnung, die sich diagonal über die Platte erstreckt. Das Material wurde ohne weitere Bearbeitung so verwendet, wie es aus dem Walzwerk kam. Auf der Oberfläche sind daher Spuren der Herstellung in Form von Oxidationen zu erkennen. Der Stahl wurde durch Gurte gebogen, die um die Platte gespannt waren. Das Blech ist mit einem blauen Seil gesichert, das an beiden Schmalseiten befestigt ist. Es soll den Spannungszustand aufrechterhalten und sichtbar machen. Die Spannung entsteht somit aus dem Zusammenspiel von Platte und Seil, wobei Letzteres nur den Anschein erzeugt und nicht zum tatsächlichen Biegungsprozess beigetragen hat. Die Plastik steht direkt auf dem Boden. Sie berührt ihn durch die gewölbte Form nur an zwei Punkten. Die Öffnung erlaubt einen Durchblick und sorgt so für eine Verbindung zwischen dem Werk und seiner Umgebung. 

Seit 1976 arbeitet Riel ausschließlich mit Stahl. Die Veränderung und Spannung von industriell gefertigtem Ausgangsmaterial ist dabei widerkehrendes Thema. Unter hohem Kraftaufwand entstehen so aus Stahlplatten gebogene Plastiken, deren Form einen Kontrast zur eigentlichen Härte des Materials darstellt. [Julia Wegelin]

Spannungsfeld Gert Riel 2021
Stilleben mit weißem Ball Klaus Langkafel 1972

Klaus Langkafel malt in seiner Hauptschaffenszeit ausschließlich kleinformatige Stillleben. Im vorliegenden Werk sind eine geöffnete Blechdose, eine Zitronensaftflasche ohne ihren Deckel und ein weißer Ball auf einer braunen Tischplatte dargestellt. Der Ball spiegelt sich in der glatten Oberfläche der Blechdose. Die dargestellten Objekte sind alltägliche Gegenstände aus der Entstehungszeit des Werks. Der geöffnete Zustand der Behälter lässt vermuten, dass die Lebensmittel bereits verwertet wurden. Trotzdem stellt Langkafel die Objekte in perfektem Zustand dar. In fotorealistischem Malstil überhöht er die einfachen Alltagsgegenstände zu einem bildwürdigen Thema und betont diesen Gegensatz noch durch die ordentliche Platzierung vor neutralem Hintergrund. Hierdurch entsteht eine übertriebene Künstlichkeit, die einen surrealen Moment erzeugt. Interpretiert als leere, ausgediente Behälter, kann das Bild als zeitgenössische Interpretation des klassischen Vanitas-Stilllebens gelesen werden – ein Bildtypus der symbolisch auf die Vergänglichkeit des Lebens verweist. Im Gegensatz zu seinen Vorbildern aus dem Barock, zeigt das Gemälde keinen prachtvollen Reichtum, sondern einfache Schlichtheit.

Das Bild »Stilleben mit weißem Ball« ist ein Beispiel für Langkafels unverkennbaren Stil, dem er Zeit seines Schaffens treu bleibt: Seine fotorealistische Malweise verbindet er mit einer reduzierten und klaren Motivwahl, die an die Klarheit der Neuen Sachlichkeit erinnert. Mit der Beschränkung auf die Darstellung lebloser Objekte stellt er sich in die Tradition der Stilllebenmalerei. Dabei spezialisiert er sich auf Vanitas-Stillleben, ein häufig gewählter Bildtypus in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Die Elemente der Gemälde entnimmt Langkafel seiner Gegenwart, wodurch sie vertraut und aktuell wirken. Klaus Langkafel wird 2001 mit dem Erich-Heckel-Preis für seine bis dahin geleistete künstlerische Arbeit ausgezeichnet. [Nina Welsch]