Kleine Geschichte des Museums

Abbildung Kunstwerk Hirsch, frontal vor Wasser mit Mondspiegelung, Fritz Lang, 1932

Der Traum vom Museum »schwäbischer« Kunst

Historische Aufnahme der Villa Berg
Historische Aufnahme der Villa Berg
Historische Aufnahme der Villa Berg
Historische Aufnahme Kunstgebäude
Historische Aufnahme Kunstgebäude
Historische Aufnahme Kunstgebäude

Das Kunstmuseum Stuttgart ist noch jung: Erst seit 1961 sprechen wir überhaupt von einem Museum. Zuvor ist die Sammlung lediglich eine Abteilung der Stadtverwaltung mit einem »Schaufenster« und ohne eigenen Museumsapparat. Unsere Geschichte beginnt 1924: Der italienische Graf Silvio della Valle di Casanova und seine Frau, die Marchesa Sofia della Valle di Casanova Browne, stiften ihre Gemäldesammlung der Stadt Stuttgart. Beide haben zuvor lange hier gelebt. Das ist der Startschuss für die Stadt, selbst zu sammeln. Der neue Kunstbesitz wird in einem ehemaligen Fürstenpalais, der Villa Berg, ausgestellt. Gleichzeitig werden öffentliche Gebäude mit Neuerwerbungen ausgestattet.
Das eigentliche Fundament des Museums legen die Nationalsozialisten. Sie träumen von einem Museum »schwäbischer« Kunst. In großen Mengen erwerben sie Kunstwerke, besonders Landschaftsgemälde. Allerdings verhindert der Krieg die Verwirklichung des Traums.
Nach dem Zusammenbruch des Faschismus hält Stuttgart an der Museumsidee fest. Arbeiten moderner Künstler:innen aus Baden-Württemberg kommen hinzu. Das ist auch die Geburtsstunde der Otto-Dix-Sammlung.
Rückblickend ist die nationalsozialistische Kunst- und Kulturpolitik für die Geschichte des Kunstmuseums Stuttgart von grundlegender Bedeutung.

Raumansicht

Marchesa di Casanova
Bernhard Klinckerfuß 1925
Marchese Silvio di Casanova
Bernhard Klinckerfuß 1925
Margarete Klinckerfuß
Marchesa Sofia della Valle di Casanova 1897
Bergdorf
Erich Heckel 1925
Akte im Freien
August Köhler
Am Neckar
Hermann Pleuer 1898
Wiesenbach
Otto Reiniger um 1895
Die Weisen aus dem Morgenland
Christian Speyer 1923
Elieser und Rebekka
Phillip van Dyk
Landschaft mit einer Wassermühle
Meindert Hobbema 1655 - 1665
Schäfer von der Alb
Hermann Tiebert 1936
BDM-Mädel
Fritz Ketz 1940
Hirsch, frontal vor Wasser mit Mondspiegelung
Fritz Lang 1932
Wintermorgen in Meersburg
Waldemar Flaig 1931
Selbstporträt mit Pfeife
Edmund Daniel Kinzinger 1920
Großes Familienbild
Wilhelm Schnarrenberger 1925

Ein Freund der Familie

Marchese Silvio di Casanova, Bernhard Klinckerfuß, 1925, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Marchese Silvio di CasanovaBernhard Klinckerfuß1925
Marchesa di Casanova, Bernhard Klinckerfuß, 1925, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Marchesa di CasanovaBernhard Klinckerfuß1925

Das Porträt zeigt den italienischen Grafen di Casanova. Gemalt wird es von Bernhard Klinckerfuß, dem Sohn des Stuttgarter Klavierfabrikanten Apollo Klinckerfuß und der damals bekannten Pianistin Johanna Klinckerfuß. Der Maler kennt di Casanova von Kindheit an. Di Casanova beginnt 1883 am Stuttgarter Konservatorium ein Musikstudium. Er bleibt bis 1896 in Stuttgart und ist ein Freund der Familie Klinckerfuß. In dieser Zeit entsteht auch di Casanovas Kunstsammlung, die er 1924 in eine Stiftung an die Stadt Stuttgart einbringt.
Das Porträt di Casanovas steht in der Tradition des bürgerlichen Repräsentationsbildes. Akademische Hell-Dunkel-Malerei sorgt für einen würdevollen Auftritt. Dem Charakterkopf und den Pianisten-Händen gilt die ganze Aufmerksamkeit des Malers.
Das Casanova-Bildnis entsteht im Auftrag der Stadt. Gemeinsam mit seinem Gegenstück, das die Ehefrau des Stifters zeigt, hängt es einige Jahre in der Villa Berg.
Es scheint merkwürdig, dass ein irisch-italienisches Ehepaar so kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs einer deutschen Stadt seine Kunstsammlung stiftet. Es kann jedoch als ein symbolischer Akt betrachtet werden, Deutschland als stigmatisiertes Land zurück in den Schoß der europäischen Völker zu holen.
Bernhard Klinckerfuß ist seinerzeit ein angesehener Maler. Er macht sich besonders mit Landschaftsbildern im Stil der Freiluftmalerei einen Namen. 1912 verlässt er Stuttgart, um fortan bis zu seinem Tod 1940 in Prien am Chiemsee zu wohnen.

Wiederentdeckt - Die irisch-italienische Malerin Sophia di Casanova Browne

Bis 2020 war in Vergessenheit geraten, dass zur Gründungsstiftung der Städtischen Kunstsammlung durch den Grafen Silvio della Valle di Casanova auch ein großes Pastell gehört, das von seiner Frau, der Marchesa di Casanova Browne, einer irischen Malerin, stammt. Es zeigt das Porträt ihrer Freundin Margarethe Klinckerfuß, der Schwester des Malers Bernhard Klinckerfuß.
Margarethe erhält eine Ausbildung zur Pianistin an der Musikakademie in Stuttgart. 1897 verbringt sie acht Wochen bei den Casanovas in Italien und studiert gemeinsam mit Silvio di Casanova Werke von Franz Liszt. Vermutlich entsteht in dieser Zeit das Porträt der 20 Jahre jungen Musikerin.
Das Ehepaar bringt das Pastell in die Stiftung an die Stadt Stuttgart ein als Dank an Margarethe Klinckerfuß, die bei der Organisation und dem Transport der Sammlung von Italien nach Deutschland tatkräftig mithilft. »Ein von der Marchesa Casanova gemaltes Porträt von mir wurde auch in diese schöne Gemäldesammlung aufgenommen«, schreibt später Margarethe in ihren Erinnerungen. So gelangt eine Arbeit der irisch-italienischen Künstlerin di Casanova Browne nach Stuttgart. Ihre Werke werden vor allem dem Symbolismus zugerechnet. Bei diesem Porträt hält das Pastell das Bild in der Schwebe zwischen Malerei und Zeichnung.

 

Margarete Klinckerfuß, Marchesa Sofia della Valle di Casanova, 1897, Foto: Kunstmuseum Stuttgart, Harald Schrem
Margarete KlinckerfußMarchesa Sofia della Valle di Casanova1897

Eine Sammlung des »schwäbischen Impressionismus«

Am Neckar, Hermann Pleuer, 1898, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Am NeckarHermann Pleuer1898

Der Marchese Silvio della Valle di Casanova sammelt fast ausschließlich Landschaften von Künstlern aus Stuttgart und dem württembergischen Raum. Die Werke von Hermann Pleuer und Otto Reiniger, beide Hauptvertreter des »schwäbischen Impressionismus«, nehmen bei der Eröffnung der Städtischen Galerie in der Villa Berg viel Raum ein.
Pleuer und Reiniger zeigen Neues im Vergleich zur traditionellen Malerei Württembergs und sind deshalb lange unverstanden und ungeliebt. Dank Mäzenen wie di Casanova finden ihre Bilder Käufer. Heute gelten ihre Werke als »schwäbische« Landschaftsbilder par excellence. Der Begriff »schwäbischer Impressionismus« wird ausdrücklich für sie geprägt.
Der Idee einer »schwäbischen Landschaftsmalerei« liegt die Annahme einer »Kunstlandschaft Schwaben« zugrunde: Schwaben zeichne sich durch die Hervorbringung einer unverfälschten, authentischen Kunst über einen langen Zeitraum hinweg aus. Durch diese Kunst unterscheide sich das Ländle, sie sei identitätsbestimmend. Schwäbisch.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, welcher Raum mit »Schwaben« bezeichnet wird – eine Frage, die bis heute nicht eindeutig geklärt ist, weil »Schwaben« als historischer und politischer Raum kaum fassbar ist.

 

Wiesenbach, Otto Reiniger, um 1895, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
WiesenbachOtto Reinigerum 1895

Eine faschistische Männerfantasie

»Der Revolutionär« mit Hakenkreuzfahne, hartem Blick und hoher Stirn ist die Personifizierung der nationalsozialistischen Bewegung. Er verkörpert eine Männerfantasie des deutschen Faschismus und gründet auf dem rassistischen Bild des »arischen« Jünglings. Eine weitere Quelle für den Typus des militanten Aktivisten findet sich im Kommunismus: die rote Fahne, Symbol des Freiheitskampfs und der Volksbewegung.
Hektor Kirschs Grafik steht mit ihren blockhaften Kontrasten und der kraftvollen Linienführung dem Expressionismus nahe. Ihr Inhalt und ihre Form finden eine materielle Entsprechung im Holzschnitt. Dieser steht im Nationalsozialismus für Klarheit und Wahrheit, angeblich Eigenschaften des Revolutionärs. Überdies wird der Holzschnitt als »deutsche« Kunst geschätzt. Aus ideologischer Sicht gilt er als »bodenständig«, weil die Holzplatte als Druckträger dem »deutschen« Wald entstamme und Teil der »deutschen Seele« sei.
Über den 1909 in Mannheim geborenen Grafiker Kirsch ist wenig bekannt. 1938 eröffnet er in Stuttgart ein Büro. Als Kriegsfreiwilliger zieht er 1939 mit der Wehrmacht an die Ostfront, wo er im Sommer 1941 in Smolensk durch einen Bauchschuss getötet wird.

 

Der Revolutionär, Hektor Kirsch, 1933 - 1945, Foto: Kunstmuseum Stuttgart
Der RevolutionärHektor Kirsch1933 - 1945

»Rasse« und Tradition

Schäfer von der Alb, Hermann Tiebert, 1936, Foto: Kunstmuseum Stuttgart
Schäfer von der AlbHermann Tiebert1936

Ein alter Mann in sonntäglicher Tracht vor karger Landschaft mit hohem Himmel – der Bildtitel gibt Auskunft über den Beruf und den Ort: ein Schäfer auf der Schwäbischen Alb. Das Gemälde ist sowohl individuelles Porträt als auch »Stammesporträt«: Es stellt das Bildnis eines Mannes aus einer bestimmten deutschen Landschaft dar. In ihr, so die Botschaft, sei der Schäfer verwurzelt, sie habe ihn geprägt. Der Alte ist ein Stellvertreter der Landschaft.
Hermann Tiebert ist ein Künstler der Neuen Sachlichkeit. Er studiert erst an der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe und ab 1914 an der Kunstakademie Karlsruhe. Im Verlauf des Nationalsozialismus spezialisiert er sich auf Porträts der deutschen Landbevölkerung in Tracht. Seinen Stil entwickelt er stetig weiter, sodass seine Bilder sowohl stilistisch als auch inhaltlich stets den neuen Anforderungen entsprechen. Ihnen liegen die Anschauungen der nationalsozialistischen Rassenideologie zugrunde. In der für Tiebert typischen Darstellung von Rasse und Tradition stehen sie symbolisch für das »bodenständige Volk«, das vor allem auf dem Land unverfälscht und »reinrassig« sei.
Die Stadt Stuttgart erwirbt das für diese Werkphase des Malers repräsentative Gemälde 1936.

 

Das nationalsozialistische Schönheitsideal

Der 1881 in Stuttgart geborene August Köhler gehört zur Gruppe der Künstler, von denen die Nationalsozialisten für die Städtische Kunstsammlung mehr als 20 Gemälde erwerben. Er ist ab dem 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied. Sein Eintritt in die Partei sei aus Zwang erfolgt, gibt Köhler nach dem Krieg zu Protokoll.
Sein Bild zweier Frauenakte erzielt einen der höchsten Preise, die die Nationalsozialisten für die Arbeit eines lebenden Künstlers zahlen. Es ist bezeichnend für den Akt in der Kunst im Dritten Reich, denn das NS-Regime sieht die Bestimmung der Frau in der „Reproduktion des Lebens, der Rasse und des Volkes“. Als künftige Mutter sei sie die Lebenshüterin und Dienerin der Volksgemeinschaft. Den Naturelementen wie Wasser und Erde nahestehend, würde sie bestimmt von einer übergeschichtlichen Kraft. Daher sei sie nicht Subjekt, sondern Objekt einer gleichsam »naturgesetzlichen« Bestimmung.
Die Rassenideologie bedingt, dass das weibliche Schönheitsideal im Nationalsozialismus aufs Engste mit dem Begriff der »arischen Rasse« verbunden ist: Der vollkommene weibliche Körper hat absolute Gesundheit und körperliche Bestform auszustrahlen, er steht für Gebärfähigkeit und Mutterschaft.

Akte im Freien, August Köhler, , Foto: Kunstmuseum Stuttgart
Akte im FreienAugust Köhler

Fritz Ketz - eine ambivalente Künstlerbiografie im Dritten Reich

BDM-Mädel, Fritz Ketz, 1940, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
BDM-MädelFritz Ketz1940

Das »BDM-Mädel« von Fritz Ketz gehört zu den wenigen Kunstwerken aus dem alten Bestand des Kunstmuseums Stuttgart, in denen eine propagandistische Botschaft erkennbar ist.
Im Dritten Reich erwirbt die Stadt Stuttgart mehrere Gemälde und Grafiken von Ketz. Ölbilder wie »BDM-Mädel«, »Adolf-Hitler-Straße« (1943), »Pimpf Peter« oder Grafiken wie »Schnitter« (1943) illustrieren, dass Ketz mit diesen Arbeiten nicht auf der Seite der Regimegegner:innen steht.
Fritz Ketz studiert ab 1932 an der Kunstakademie Stuttgart und gelangt schnell zu ersten Achtungserfolgen. Dennoch ist er unter den gesammelten Künstler:innen ein Sonderfall. Nach 1945 erzählt er, er sei mit dem NS-Regime in Konflikt geraten und habe sich gegen Kriegsende auf der Schwäbischen Alb verstecken müssen.
1944 zeigt die junge Stuttgarter Bildhauerin Hanne Schorp-Pflumm Ketz' Porträt auf der »Großen Deutschen Kunstausstellung« in München. Es erscheint unwahrscheinlich, dass sie die Büste eines oppositionellen Malers hätte ausstellen können.

 

Neckarsteg, Fritz Ketz, 1940, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
NeckarstegFritz Ketz1940

Ein vergessener Ankauf

Hirsch, frontal vor Wasser mit Mondspiegelung, Fritz Lang, 1932, © Nachlass Fritz Lang / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Hirsch, frontal vor Wasser mit MondspiegelungFritz Lang1932

Man kennt diese Szene: der »Röhrende Hirsch« im Wohnzimmer über dem Sofa. Mit ihm verknüpft sich eine altmodische Haltung und auch Natursehnsucht. Denken wir an die traditionelle idealistische Tiermalerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, fällt uns schnell das Bild des brunftigen Königs der Wälder ein. Es ist ein negativer Stellvertreter für eine angestaubte Richtung akademischer Malerei.
Wie sehr unterscheidet sich davon Fritz Langs Gemälde, denn es zeigt Fauna und Flora in einem neoromantischen, überraschend modernistischen Stil. Der Hirsch und der Wald sind beinah nur Silhouette. Einzig die Mondspiegelung leuchtet aus der dunklen Komposition von Blau-, Grün- und Schwarztönen heraus. Flächen dominieren – wie im Holzschnitt, dessen Technik Fritz Lang meisterhaft beherrscht und der ihm internationalen Ruf einbringt.
Auf der Bildrückseite klebt das Etikett der »Großen Deutschen Kunstausstellung« in München. Der in Stuttgart geborene Maler und Grafiker reicht das Bild 1937 zur ersten großen Leistungsschau der Kunst im Dritten Reich ein. Anlässlich Langs 65. Geburtstags kauft die Stadt Stuttgart 1942 11 Gemälde von ihm, darunter der »Röhrende Hirsch«, und 35 Holzschnitte, unter denen sich 20 Tierbilder befinden.

 

Vier Kronenkraniche mit Cyprus, Fritz Lang, 1937, © Nachlass Fritz Lang, Mittelbiberach / Foto: Kunstmuseums Stuttgart, Axel Koch
Vier Kronenkraniche mit CyprusFritz Lang1937
Reiher mit Bambus, Fritz Lang, 1933, © Nachlass Fritz Lang, Biberach / Foto: Frank Kleinbach
Reiher mit BambusFritz Lang1933
Fünf Bananenstauden vor Hügelkette, Fritz Lang, 1929, © Nachlass Fritz Lang, Mittelbiberach / Foto: Kunstmuseums Stuttgart, Axel Koch
Fünf Bananenstauden vor HügelketteFritz Lang1929

Die »schwarze Schmach«

Christian Speyer ist ein angesehener Historienmaler, der an der Stuttgarter Kunstakademie unterrichtet. Das Bild ist ein Alterswerk und zeigt die Heiligen Drei Könige. Sie stellen die drei Menschenalter und Kontinente dar: die Jugend (Afrika), das Mittelalter (Asien) und das Alter (Europa). König Caspar, der Vertreter Afrikas, reitet einen Esel und trägt den traditionellen arabischen Kapuzenmantel. Im Vergleich zu den anderen beiden Weisen ist sein Auftritt weniger prächtig, auch befindet er sich nicht auf der gleichen Bildhöhe.
Diese Art der Darstellung Schwarzer Menschen ist in Deutschland zu Beginn der 1920er-Jahre nicht ungewöhnlich. Darüber hinaus politisiert Speyer das Motiv der drei Weisen aus dem Morgenland im Kontext von Rassismus, Kolonialismus und der Kampagne gegen die »schwarze Schande«: Französische und belgische Truppen, darunter Schwarze Soldaten, besetzen 1923 das Ruhrgebiet. Dagegen starten offizielle deutsche Stellen eine Medienkampagne, in der die Beherrschung der (weißen) Rheinländer:innen durch Schwarze Truppen als »schwarze Schmach« angeprangert wird. Das im selben Jahr entstandene Gemälde kann als rassistischer Kommentar auf die Besetzung des Ruhrgebiets gelesen werden.

 

Ansicht Die Weisen aus dem Morgenland, Christian Speyer, 1923
Die Weisen aus dem Morgenland, Christian Speyer, 1923, Foto: Kunstmuseum Stuttgart, Harald Schrem

Die Weisen aus dem Morgenland, Christian Speyer, 1923

Die Weisen aus dem Morgenland, Christian Speyer, 1923, Foto: Kunstmuseum Stuttgart, Harald Schrem

Ein seltsamer Kunstankauf

Landschaft mit einer Wassermühle, Meindert Hobbema, 1655 - 1665, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Landschaft mit einer WassermühleMeindert Hobbema1655 - 1665

Das Kunstmuseum Stuttgart besitzt nur wenige holländische Meister. Auch das historische Sammlungsprofil weist keinen Schwerpunkt »Alte niederländische Malerei« auf. Umso seltsamer ist der Ankauf von zwei Gemälden, die zunächst bekannten niederländischen Malern zugeschrieben werden: »Landschaft mit einer Wassermühle« von Meindert Hobbema und »Elieser und Rebekka am Brunnen« von Philip van Dyk.
Die Stadt Stuttgart erwirbt die Gemälde im Juni 1948 von dem Kunsthändler Dr. Erwin Sieger für die hohe Summe von 400 000 RM. Der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett veranlasst den Kauf. Beide Bilder kommen als Ämterschmuck, das heißt zur Dekoration der Dienstzimmer, ins Bürgermeisteramt. Klett wählt für sich das Landschaftsbild von Meindert Hobbema aus dem 17. Jahrhundert. Die biblische Szene des angeblichen van Dyk schmückt das Zimmer seines Stellvertreters.
Dank intensiver Nachforschungen ist heute bekannt, dass keine Echtheitsgutachten eingeholt wurden. Die Autorenschaft von Meindert Hobbema ist umstritten. Offenbar vertraut man dem Kunsthändler blind, obwohl Sieger von der amerikanischen Militärregierung 1945 interniert wird. Gemälde aus seiner Kunstsammlung werden später an die rechtmäßigen Eigentümer in Belgien, Frankreich und den Niederlanden zurückgegeben.

 

Ansicht Elieser und Rebekka, Phillip van Dyk; zugeschrieben, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Elieser und Rebekka, Phillip van Dyk; zugeschrieben, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Elieser und Rebekka, Phillip van Dyk; zugeschrieben

Elieser und Rebekka, Phillip van Dyk; zugeschrieben, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Stuttgart und der Maler Otto Dix - Die Entstehung der Dix-Sammlung

Pragerstraße, Otto Dix, 1920, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
PragerstraßeOtto Dix1920

Otto Dix ist einer der berühmtesten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts und ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Als Soldat kämpft er im Ersten Weltkrieg. Seine Bilder vom Krieg und dem Elend von Kriegsversehrten gehören zu den schonungslosesten Anklagen in der Kunst.
Das vom Dadaismus und der Collage beeinflusste Gemälde »Pragerstraße« verkehrt das idealistische Schönheitsbild der Zeit. Nicht der ideal geformte, sondern der versehrte Körper steht im Zentrum. Dix greift die sozialen Missstände in der Zwischenkriegszeit an. Die »Helden« fristen ein Bettlerdasein.  
Dix ist in Stuttgart kein Unbekannter. Schon 1923 kauft die Staatsgalerie das erste Gemälde von ihm. Ab 1936 lebt er in Hemmenhofen am Bodensee. Er ist bereits über ein Vierteljahrhundert in Schwaben, als die Städtische Galerie in den 1950er-Jahren mit dem Sammeln seiner Bilder beginnt. Im Verlauf von drei Jahrzehnten baut sie eine der bedeutendsten Dix-Sammlungen auf. »Pragerstraße« ist 1965 das zweite Dix-Gemälde, das erworben wird. Im November 1965 kommt das Hauptwerk »Großstadt« als Dauerleihgabe hinzu. Es wird 1972 angekauft und gehört seitdem zum festen Bestand der Sammlung.

 

Der Einzug der Moderne

Nach 1945 baut die Stadt die Sammlung im Verlauf von 15 Jahren aus und bezieht moderne Kunst aus Baden-Württemberg in ihre Erwerbungspolitik mit ein. Zu ihr gehören Künstler:innen wie unter anderem Willi Baumeister, Otto Dix, Adolf Hölzel, Ida Kerkovius, Oskar Schlemmer und Hermann Stenner. Im Nationalsozialismus werden ihre Werke nicht gekauft. Sie werden verfemt und die Künstler:innen verfolgt. In der Nachkriegszeit bleibt das Leitmotiv der Sammlung die sogenannte schwäbische Kunst.
Erich Heckel, Mitglied der Künstlergruppe Die Brücke und bedeutender Vertreter expressionistischer Malerei und Grafik in Deutschland, lebt ab 1944 in Hemmenhofen am Bodensee. Die Städtische Spar- und Girokasse Stuttgart erwirbt von ihm das Landschaftsgemälde »Bergdorf« und schenkt es der Galerie der Stadt Stuttgart zu ihrer Eröffnung 1961.
Dass im Faschismus das Fundament des neuen Museums gelegt wird, verdrängt man. Der erste Galeriedirektor Eugen Keuerleber sagt: »Bilder sind wie die eigenen Kinder und jedes Bild hat seine eigene Geschichte.« Er kennt all seine »Kinder«, weil er sie seit Kriegsende betreut, doch einige sind ihm lieber als andere. Und über jene aus dem Dritten Reich schweigt er in seiner 40-jährigen Amtszeit.

 

Bergdorf, Erich Heckel, 1925, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Foto: Kunstmuseum Stuttgart
BergdorfErich Heckel1925

Die verschlungenen Wege eines Bildes

Selbstporträt mit Pfeife, Edmund Daniel Kinzinger, 1920, © Erben Edmund Daniel Kinzinger / Foto: Kunstmuseum Stuttgart
Selbstporträt mit PfeifeEdmund Daniel Kinzinger1920

Edmund Kinzingers Selbstporträt im kubistischen Stil gehört zu den ungewöhnlichen Werken der 1920er-Jahre im Kunstmuseum Stuttgart. Vor 1914 Student bei Adolf Hölzel an der Kunstakademie Stuttgart, setzt Kinzinger dort sein Studium nach dem Einsatz im Ersten Weltkrieg fort. 1924 geht er nach München und betreibt eine Kunstschule. 1934 erfolgt die Auswanderung in die USA.
Das Selbstporträt entsteht in Stuttgart. Auf verschlungenen Pfaden gelangt es irgendwann in den Kunsthandel und kommt schließlich 2017 ins Kunstmuseum. Verkauft wird es von einem Düsseldorfer Kunsthändler, der es zehn Jahre zuvor erwarb. Vorbesitzer ist ein Händler aus Bielefeld. Und davor befand es sich angeblich in einem Nachlass in Niedersachsen. Der Bielefelder Händler wird nicht gefunden. Der niedersächsische Nachlass auch nicht.
Die amerikanische Enkelin Nancy Kinzinger kennt das Bild nicht. Ihr Großvater soll all seine Besitztümer und Kunstwerke in die USA mitgenommen haben. Vielleicht kam das Selbstbildnis so nach Amerika und wurde zwischen 1934 und 1963, dem Todesjahr des Malers, oder danach verkauft oder verschenkt. Das könnte aber auch vor der Auswanderung geschehen sein.

 

Späte Würdigung - Die Neue Sachlichkeit in Württemberg und Baden

Der Maler zeigt sich mit Palette, Mutter und Bruder vor der Staffelei. Die Dargestellten sind nüchtern-distanzierte Beobachtende. Auf allem liegt ein kühler sachlicher Blick.
Wilhelm Schnarrenbergers »Großes Familienbild« von 1925 zählt zu den bekanntesten Kunstwerken der Neuen Sachlichkeit in Deutschland. Die Galerie der Stadt Stuttgart erwirbt es erst 1971. In der Weimarer Republik kauft die Städtische Galerie nur wenige bedeutsame Werke neusachlicher Künstler:innen, im Dritten Reich gar keine. Denn deren gesellschaftskritische Darstellung der Wirklichkeit wird abgelehnt. Arbeiten von Volker Böhringer, Karl Hubbuch, Georg Scholz und Wilhelm Schnarrenberger – die letzten drei bis 1933 Professoren an der Kunstakademie Karlsruhe – gelangen alle erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sammlung.
Das Gemälde war stets im Besitz der Familie Schnarrenberger. Die Witwe verkauft es, als sein Erhaltungszustand immer fragiler wird. Es stand bis zum Tod des Künstlers lange im ungeheizten Atelier.

 

Großes Familienbild, Wilhelm Schnarrenberger, 1925, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Foto: Kunstmuseum Stuttgart
Großes FamilienbildWilhelm Schnarrenberger1925

Ein Stuttgarter Privatsammler rettet »entartete Kunst«

Fenster aus dem Treppenhaus des ehemaligen Stuttgarter Rathauses, Adolf Hölzel, 1928, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Fenster aus dem Treppenhaus des ehemaligen Stuttgarter RathausesAdolf Hölzel1928

Adolf Hölzel gehört zu den bedeutenden Vertretern der modernen Kunst. Er trägt zur Entwicklung der ungegenständlichen Malerei bei. 1928 fertigt er im Auftrag der Stadt Glasfenster für das Rathaus. Anlässlich des Besuchs von Adolf Hitler in Stuttgart 1937 werden sie als »entartete Kunst« entfernt und eingelagert. Ein Jahr später kauft sie der Stuttgarter Unternehmer und Sammler Paul Beck.
Beck wird im Remstal in ärmlichen Verhältnissen geboren. Als Oberingenieur arbeitet er sich zum erfolgreichen Unternehmer für Sanitärinstallationen hoch. Seine Interessen reichen von Fragen des Sozialen bis zu Kunst und Kultur. Er hat gute bis sehr gute Kontakte zu Künstler:innen. Käthe Kollwitz ist eine enge Freundin. Als Gegenleistung für den Einbau einer Zentralheizung in Hölzels Haus erhält Beck Anfang der 1940er-Jahre einen großen Teil von dessen Nachlass. In seinem Entnazifizierungsverfahren führt Beck seinen Einsatz für die moderne Kunst als Beleg seiner Opposition gegenüber dem NS-Regime an. Er unterstützt verfolgte Künstler:innen und rettet Kunstwerke.
Hölzels Fenster für das Rathaus sind heute nur unvollständig erhalten und befinden sich in Staatsgalerie Stuttgart und dem Kunstmuseum Stuttgart. Die Galerie der Stadt Stuttgart erwarb 1981 ein Fragment von der Familie Beck.

 

Ein Bild unter dem Bild

Meersburg am Bodensee. Eisblauer Himmel, dunkles Wasser. Die markante Silhouette in der Wintersonne. Der für seine Bodenseebilder und Porträts bekannte Waldemar Flaig führt das Motiv zweimal aus. Die zweite Version befindet sich in den Städtischen Museen Villingen-Schwenningen. Vom Bild gibt es auch eine Postkarte.
Flaig gehört zu den expressionistischen Malern. Er lebt ab 1920 in Meersburg, Berlin und Düsseldorf. Nach dem Kunststudium kämpft er als Soldat im Ersten Weltkrieg. An den Folgen einer Kriegsverletzung leidet er bis zum frühen Tod.
Die Würdigung des Gesamtwerks fällt nach seinem Tod unterschiedlich aus. Im Dritten Reich sind seine Werke geschätzt, haben aber auch Gegner:innen. 1937 werden zwei seiner Bilder im Rahmen der Aktion »Entartete Kunst« beschlagnahmt. 1942 findet zu seinem Gedenken eine Wanderausstellung statt, die auch in Stuttgart gezeigt wird. »Meersburg im Winter« wird hier für 10 000 RM gekauft. Damit ist ein expressionistisches Gemälde unter den 20 teuersten Ankäufen der Stadt im Dritten Reich.
Das Bild birgt eventuell ein Geheimnis: ein Bild unter dem Bild. 1928 gibt Dr. Hans Langendorff, Chefarzt des Krankenhauses Konstanz und Flaigs Arzt, das Porträt seiner Frau Lis bei Flaig in Auftrag. Weil der Maler Arztrechnungen auch mit Bildern bezahlt, besitzt der Arzt schon Werke von ihm. Lis Langendorff gefällt ihr Porträt aber nicht, sie gibt es Flaig zurück. Möglicherweise übermalt er es 1931 mit der Winterlandschaft. Eine Untersuchung soll Klärung bringen.

 

Wintermorgen in Meersburg, Waldemar Flaig, 1931, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Wintermorgen in MeersburgWaldemar Flaig1931