Tesfaye Urgessa
Menschliche Körper sind für Tesfaye Urgessa zum Thema seiner Malerei geworden. Er hat sich ganz ihrer Darstellung, mehr noch ihrer Konstruktion aus der Sicht der Malenden verschrieben. Schon in der Anfertigung im Atelier ist jedes Gemälde ein vielschichtiges, mitunter zeitaufwendiges Unterfangen. Nach und nach lässt Urgessa die Körper und Körperteile auf der Leinwand erscheinen und sich gegenseitig überlagern. Am Ende stehen vielgestaltige Figuren in warmen bunten Fleischtönen. Die Körper sind dabei zumeist nackt. Im übertragenen Sinn jedoch sind sie bekleidet mit individuellen und allgemeinen Erfahrungen.
Bei ihrer Konzeption orientiert sich Urgessa neben seinem eigenen Körper auch an Personen aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch an Fremden. Beim Malen lädt er sie mit seinem eigenen Empfinden auf. Rassismus und andere Gewalterfahrungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Suche nach und die Konstruktion von Identität. Zum eher Körperlichen tritt das Spiel mit der europäischen Kunstgeschichte. Urgessas Auseinandersetzung mit Fragen nach Figürlichkeit, Abstraktion oder farblicher Ausdruckskraft sind unübersehbar.
Urgessa stammt aus Äthiopien, wo er zunächst an der Allé School of Fine Arts and Design in Addis Abeba studiert. Die Lehrkräfte dort sind geschult im sogenannten Sozialistischen Realismus der vormaligen Sowjetunion. Dass sich Urgessa mit der Darstellung von Körpern beschäftigt, ist daher vorprogrammiert. Mit dem so geprägten Blick kommt er 2009 nach Deutschland und führt in Stuttgart sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste fort. Seit 2011 lebt und arbeitet er in Nürtingen. Die bislang größte Ausstellung seiner Kunst zeigt er 2024 im äthiopischen Pavillon der Biennale in Venedig.