Mit der »Straßenszene« zeichnet Otto Dix eine Karikatur der höheren Gesellschaft, die ihre übersteigerte Eleganz zur Schau stellt. Vor einer klassizistischen Häuserfassade begegnen sich drei Figuren, die in einer Welt von Schein und Oberflächlichkeit existieren.
Von links tritt ein auffällig gekleideter Mann ins Bild. Seine Erscheinung erinnert an einen Dandy. Der angespitzte Schnurrbart und das breite Grinsen mit Goldzähnen betonen seinen selbstgefälligen Ausdruck. Im Vorwärtsgehen blickt er uns seitlich in herausfordernder Pose an. Das opulente Brokatjackett, die Nadelstreifenhose und polierte Schuhe können als Zeichen seines Reichtums, vielleicht sogar seiner Dekadenz gelesen werden. In der Hand hält er einen Gehstock, während er mit der anderen die Krempe seines grünen Hutes zum Gruß an die Passanten – die auch wir Betrachter:innen sein könnten – kokett berührt.
Die ältere Frau im Zentrum trägt ein schwarzes Trauerkleid, doch ihr überladener Hut mit Federschmuck steht in groteskem Widerspruch zu Demut und Trauer. Sie lächelt dem Mann zu, der Teil ihres gesellschaftlichen Kreises ist. Hinter ihr taucht eine dritte Figur auf: ein klein gewachsener Mann im golden schimmerndem Anzug und schwarzem Melonenhut. Die Zigarette zwischen den Lippen und das Tierköpfchen an seinem Gehstock unterstreichen seine absurde Erscheinung. Mit stechend blauen Augen richtet er seinen Blick auf den ersten Mann und beobachtet die materialistische Selbstinszenierung, an der er selbst auch teilnimmt.
Werkdaten
- Inventarnummer: A-1035
- Material / Technik: Aquarell und Feder auf Papier
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
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