Ende Februar 1945 wird Otto Dix zum Volkssturm eingezogen. Vier Wochen später gerät er in französische Kriegsgefangenschaft. Er wird in einem Lager in Colmar inhaftiert. Nach einiger Zeit kann er dort immerhin wieder malen, doch bleibt er für etwa ein Jahr in Gefangenschaft.
Nach der Rückkehr nach Hemmenhofen porträtiert er sich selbst und blickt zurück auf die Zeit als Kriegsgefangener. Dabei zeigt er sich im Brustbild mit zwei weiteren Gefangenen vor einem unüberwindlichen Stacheldrahtzaun. Die beiden anderen scheinen sich miteinander zu unterhalten. Dix steht allein vor ihnen und hat ihnen den Rücken zugewendet.
Das Selbstbildnis gehört zu Dix wichtigsten Bildthemen. Anhand des eigenen Porträts probiert er alle möglichen malerischen Darstellungsformen aus. Denn: »Die Selbstbildnisse sind Bekenntnisse eines inneren Zustandes. (…) Es gibt so viele Seiten eines Menschen. Im Selbstbildnis kann man das am besten studieren.« Im »Selbstbildnis als Kriegsgefangener« ist er allerdings kaum noch zu erkennen. Er gerät zwar mit etwa Mitte Fünfzig in Gefangenschaft. Doch gibt er sich im Bildnis geradezu greisenhaft mit weißgrauem Bart und Augenbrauen. Das Gesicht ist ausgemergelt und verhärmt. Durch die tiefliegenden Wangenfalten tritt die Mundpartie mit den stark heruntergezogenen Mundwinkeln besonders hervor.
Nicht nur im Gesicht wirkt Dix wie verwandelt. Denn in der Gefangenschaft erfindet er sich als Maler noch einmal neu. Anstelle der altmeisterlichen Maltechnik tritt nun eine abstrakte, expressionistische Formensprache. Das »Selbstbildnis als Kriegsgefangener« gehört zu den herausragenden Gemälden dieses Spätwerks.
Werkdaten
- Inventarnummer: LG-048
- Material / Technik: Öl und Tempera auf Hartfaserplatte
- Creditline: Dauerleihgabe der Otto Dix Stiftung, Vaduz im Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© VG Bild-Kunst, Bonn 2025 / Foto: Kunstmuseum Stuttgart