Im Selbstbildnis von 1930, das wenig größer als eine Postkarte ist, stellt sich Reinhold Nägele mit 46 Jahren dar. In der Stuttgarter Kunstszene ist er zu dieser Zeit als Maler und Grafiker anerkannt und als Mitbegründer und Organisator der Stuttgarter Secession aktiv. In dem Brustbild zeigt er sich frontal im weißen Malerkittel. Die Augen blicken ernst und eindringlich. Dabei wirkt das rechte herausfordernd, das linke unter der deutlich hochgezogenen Braue eher zweifelnd. Die Strenge in Nägeles Ausdruck wird durch kontrastierende Farbtöne verstärkt, die die Licht- und Schattenzonen im Gesicht geradezu überbetonen. Dadurch wird die Aufmerksamkeit ganz auf die Person gelenkt. Die Gegenstände auf den Regalbrettern im Hintergrund dienen als Kulisse. Ihre Unschärfe erinnert an fotografische Effekte.
Nägele porträtiert sich ab 1909 mehrfach selbst. Überblickt man das gesamte Werk, so sind etwa doppelt so viele Selbstporträts wie Porträts anderer Personen zu greifen. Die Selbstbildnisse sind zumeist als frontale Brustbilder angelegt und dienen ihm zur kritischen Selbstbetrachtung. Wie im hier gezeigten Bild hält er sich dabei überwiegend mit ernsthafter Mimik fest. Möglicherweise spiegeln sich in der vorliegenden Darstellung auch wachsende Bedenken angesichts der politischen Spannungen der späten Weimarer Republik. Nägeles weltoffene Haltung und seine Nähe zu jüdischen Intellektuellen machen ihn zunehmend angreifbar.
Werkdaten
- Inventarnummer:
- 2007-021
- Material / Technik:
- Tempera auf Holz
- Creditline:
- Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart