Hinter dem rätselhaften Titel »Primäre Tage« versteckt Anneliese Höschele drei sehr unterschiedlich scheinende, in ihrem Inhalt jedoch verwandte Szenen. Dass sie als Gesamtwerk gestaltet sind, deutet sich in ihrem Hintergrund an: In allen Tafel finden sich in Ocker und Gelb gehaltene Farbtöne, ein gedecktes Weiß und hier und da eine grüne Fläche.
Auf der linken Tafel hat Höschele auf der Rückseite die Bezeichnung »Ikarus« vermerkt. Damit ist die zu Boden gestürzte Figur gemeint. Im Hintergrund sehen wir die Sonne, deren Wärme das Wachs seiner Flügel geschmolzen hat. Anders als in der Sage stürzt Ikarus nicht ins Meer, sondern aufs Land. Sein Scheitern bleibt damit als wichtige Erfahrung, die jeder Mensch macht, sichtbar. Geisterhaft steht eine Figur im Hintergrund.
Ganz ähnlich in ihrer Form ist auch die Kopfstele der Mitteltafel gestaltet. Sie besteht aus acht gestapelten Köpfen, die von einer Art Gaze umhüllt sind. Dazwischen blitzen rote Streifen hervor. Es sind die Blutspuren der Enthauptungen. Auch der Vogel zur Rechten der geisterhaften Erscheinung verheißt nichts Gutes.
Auf der rechten Tafel setzt sich die Grausamkeit fort: Ein Rad ist auf einem Pfahl angebracht. In den vier Speichen hängt eine Figur. Die Konstruktion lässt an das im Mittelalter bis in die Neuzeit verwendete Hinrichtungsgerät, das Richtrad, denken. Auch die rechte der beiden an den Pfahl gelehnten Figuren scheint ein Opfer zu sein. Die linke Figur bildet in Blau das kompositorische Gegenstück zum Ikarus auf der linken Tafel.
In ihrer Gesamtheit entziehen sich die Szenen einer genaueren Deutung. Das Werk wird dem Kunstmuseum 2008 aus dem Nachlass von Anneliese Höschele geschenkt.
Werkdaten
- Inventarnummer: 2008-062a
- Material / Technik: Öl auf Sperrholz
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
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