Anne Marie Jehles Kunst bewegt sich in einem Spannungsfeld von persönlicher Wahrnehmung der eigenen Rolle als Künstlerin und als Frau und den Erwartungen, die die Gesellschaft mit diesen Rollen verbindet. Einhergehend damit sind Machtverhältnisse ebenso ein immer wiederkehrendes Thema in ihrer Kunst. Ihre Werke, die sie aus Materialien des Alltags fertigt, lassen sich als feministische Selbstbehauptung verstehen.
Das kleine Kästchen fertigt Jehle in Analogie zu Reliquiaren aus der Zeit des Barock. Schon im Mittelalter sind sogenannte Schaureliquiare beliebt. In ihnen ist das verehrte Objekt entweder hinter Bergkristall oder Glas geschützt zu sehen. Doch erst in der Zeit des Barock, in der besondere Seheffekte und das Spiel mit der Perspektive eine große Rolle spielen, werden auch Reliquien so präsentiert, dass sie von allen Seiten betrachtet werden können. Jehle greift diese Form der Zurschaustellung in ihrer Miniatur auf. Ihr Kästchen hat jedoch keine Funktion mehr im engeren Sinn, das heißt im kirchlichen Zusammenhang. Vor allem enthält es keine Reliquie. Das Kästchen allein ist ein Kunstwerk. Dennoch ergeben sich durch die Kombination von Glas, Goldverzierungen und Wachs Anknüpfungspunkte an die ursprünglichen Vorbilder. Das Wachsobjekt im Innern ist wie die Spitze eines Penis' geformt. Das Werk mag als obszöner Kommentar auch in einem Bezug zu Jehles Erfahrungen mit dem katholischen Glauben in ihrer Kindheit und Jugend stehen. Vor allem in den 1980er-Jahren beschäftigt sie sich zunehmend mit dem Thema Erinnerung.
Werkdaten
- Inventarnummer: 2022-029
- Material / Technik: Glas, Metall, Wachs und Stoff
- Creditline: Schenkung Anne Marie Jehle Stiftung
Lizenzhinweis
© Nachlass Anne Marie Jehle / Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart