Hinter einem Vorhang aus durchsichtiger leicht schwarz gefärbter Folie spielt sich eine düster-dramatische Szene ab, die an Höllendarstellungen des Spätmittelalters erinnert: Nackte schreiende Menschen versuchen dämonischen Wesen zu entkommen. Doch greifen diese nach ihnen oder tragen sie teils schon auf ihrem Rücken fort. Als Gesellen des Teufels verkörpern sie das Böse und die Strafe für die Sünden der Menschen. Ein auffallend schön gezeichneter Jüngling beugt sich von oben über das Geschehen und hält in seiner Linken eine in saftigem Grün leuchtende Distel. In der christlichen Kunst symbolisiert diese Pflanze sowohl die Leiden Christi als auch die Mühsal und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens als Folgen der Sünden, die der Mensch begeht. Durch den Vorhang – ein in der Kunst seit Jahrhunderten genutztes Sinnbild für Verbergen und Enthüllen – wirkt all dies verzerrt.
In seinen in altmeisterlicher Malweise ausgeführten Bildern setzt Xuan Wang Wertvorstellungen aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen in Bezug zueinander. Seine künstlerische Thematik beruht auf der Erkenntnis, dass ganz Verschiedenartiges, ja Gegensätzliches, nicht nur nebeneinander besteht, sondern sich auch gegenseitig bedingt. In diesem Fall kombiniert er ein um 90 Grad gedrehtes kunsthistorisches Bildmotiv mit einem auf die eigene Zeit verweisenden dunklen unheilvoll erscheinenden Plastikvorhang. Wang kritisiert, dass in manchen heutigen Weltanschauungen hinsichtlich Gut und Böse das Dämonische immer noch eine Rolle spielt.
Werkdaten
- Inventarnummer: 2022-043
- Material / Technik: Acryl, Pigment und Bleistift auf Leinwand
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© Xuan Wang / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart