Anne Marie Jehles Kunst bewegt sich in einem Spannungsfeld von persönlicher Wahrnehmung der eigenen Rolle als Künstlerin und als Frau und den Erwartungen, die die Gesellschaft mit diesen Rollen verbindet. Einhergehend damit sind Machtverhältnisse ebenso ein immer wiederkehrendes Thema in ihrer Kunst. Ihre Werke, die sie aus Materialien des Alltags fertigt, lassen sich als feministische Selbstbehauptung verstehen.
Jehle versteht das Private als weibliche Lebenswirklichkeit. Sie kommentiert dies auch in Form von selbst angefertigtem Schmuck als Teil der künstlerischen Arbeit. Bei der hier gezeigten Kette verwendet sie Baby-Figürchen als kleine Anhänger. Die Gestaltung wirkt befremdlich und makaber. Da Kinder, vor allem Säuglinge, in der Kunst oft mit Weiblichkeit und Mutterschaft in Verbindung gebracht, lässt sich die Kette jedoch auch als ein Verweis auf weibliche Körperlichkeit verstehen. Es ist in den 1970er-Jahre ein zentrales Thema der feministischen Avantgarde. Die Vielzahl an Kindern hinterfragt dabei kritisch die traditionelle Rolle als Mutter. Darüber hinaus stellt Jehle mit den aufgereihten Babys auf ihre ganz eigene Art einen Bezug zum Rosenkranz und ähnliche Gebetsketten her. Derartige Ketten werden in einem gleichförmigen Rhythmus genutzt und folgen einer bestimmten Struktur. In diesem Zusammenhang schwingt in Jehles Werk somit auch ein bitterer Verweis auf die Isolation von Müttern und Hausfrauen mit, die in ihren traditionellen Rollen in einem gleichförmigen Alltag gefangen sind.
Werkdaten
- Inventarnummer: 2022-032
- Material / Technik: Kunststoff und Textil
- Creditline: Schenkung Anne Marie Jehle Stiftung
Lizenzhinweis
© Nachlass Anne Marie Jehle / Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart