Anne Marie Jehles Kunst bewegt sich in einem Spannungsfeld von persönlicher Wahrnehmung der eigenen Rolle als Künstlerin und als Frau und den Erwartungen, die die Gesellschaft mit diesen Rollen verbindet. Einhergehend damit sind Machtverhältnisse ebenso ein immer wiederkehrendes Thema in ihrer Kunst. Ihre Werke, die sie aus Materialien des Alltags fertigt, lassen sich als feministische Selbstbehauptung verstehen.
In den 1920er- und 1930er-Jahre verwenden die Surrealisten die Schaufensterpuppe erstmals als Motiv in der Kunst. In ihren Bildern ist sie dabei häufig erotisch aufgeladen. Diese Zuschreibung greift Jehle auf und verkehrt sie ins Gegenteil. In der hier gezeigten Arbeit verwendet sie nur einzelnes Bein, das durch seine Gestaltung nicht länger ein Objekt der Begierde ist, sondern zu einem Denkanstoß anregen soll.
Wie auch in anderen Arbeiten bedient sich Jehle hier der Collage. Die Technik spielt im Dadaismus und Fluxus eine zentrale Rolle. Jehle weckt damit Erinnerungen an diese künstlerischen Strömungen. Darüber hinaus beziehen sich die verwendeten Zeitungsartikel selbst auf die Vergangenheit. Sie thematisieren die nationalsozialistische Judenverfolgung in Europa. Der bestickte Schleier vermittelt dagegen mit dem Blumendekoration und dem Schriftzug »Guten Morgen« das Bild einer heilen Welt. In der Gegenüberstellung dieser beiden Pole verweist Jehle auf den Zwiespalt zwischen privater Verdrängung und kollektiver Schuld, der das Nachkriegsdeutschland entscheidend prägt. Sie konfrontiert uns mit der eigenen Geschichte und fordert uns zur Auseinandersetzung damit auf.
Werkdaten
- Inventarnummer:
- 2022-031
- Material / Technik:
- Kunststoff, Papier und Textil
- Creditline:
- Schenkung Anne Marie Jehle Stiftung
Lizenzhinweis
© Nachlass Anne Marie Jehle / Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart