Mit großen Augen und geöffnetem Mund drückt die Mutter liebevoll ihr kleines Kind an die Brust. Schützend eingebettet in ein Tuch – es könnten auch die langen Haare der Mutter sein, die sich um das Kind legen –, scheint das Kind von der Welt nichts mitzubekommen, allein der Blick der Mutter verrät Angst und Schrecken. Weiß sie, wohin sie ihr gemeinsamer Weg in der zerstörten Stadt führen wird?
Mutter-Kind-Darstellungen sind eines der ältesten Motive in der Kunst. Während dabei in der früheren Malerei zumeist Maria mit dem Jesusknaben im Blickfeld der Künstler steht, wird das Sujet im Laufe der Jahrhunderte immer vielfältiger und unter verschiedensten Aspekten der Mutter-Kind-Beziehung betrachtet. In der Regel sind es jedoch die vertrauensvolle Nähe und Geborgenheit, die stets thematisiert werden.
Der in Esslingen am Neckar geborene Volker Böhringer gehört in den 1920er-Jahren mit seinem von der Neuen Sachlichkeit und dem Surrealismus beeinflussten Stil zu den herausagenden Malern in Deutschland. Während der Zeit des Nationalsozialismus erhält er Ausstellungs- und Malverbot. Nach Kriegsende werden seine Werke in zahlreichen Ausstellungen präsentiert, die die verfemte Kunst nach Jahren der Diffamierung zeigen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1961 behält er seinen Stil bei. Mit »Mutter und Kind« schafft er ein Werk, das die Themen der Kriegs- und Nachkriegszeit auf den Punkt gebracht vor Augen führt: Der Krieg findet nicht nur auf den Schlachtfeldern statt, sondern fordert auch in den Städten seine Opfer bis hin zu Neugeborenen. Durch den Verzicht auf eine konkrete Verortung zeigt Böhringer mit dieser Mutter-Kind-Darstellung das Leid aller Kriege.
Werkdaten
- Inventarnummer:
- Z-0490
- Material / Technik:
- Tuschfeder und Aquarell
- Creditline:
- Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© Künstler:in und Nachfolge / Foto: Kunstmuseum Stuttgart