Das 19. Jahrhundert ist geprägt von der schnellen Entwicklung der Großstädte. Blickt man nach Paris, stehen insbesondere hier die großen Varietes für die Welt des Amusements. Sehr beliebt ist das »Théâtre des Variétés«, wo im Jahre 1895 die Operette »Chilpéric« des französischen Komponisten Hervé zur Aufführung kommt. Unbestrittener Star dieser in der Merowingerzeit spielenden Darbietung ist die Hauptdarstellerin Marcelle Lender. Sie ist damals außerordentlich berühmt und zieht die vormehmlich männlichen Zuschauer in ihren Bann. Henri Toulouse-Lautrec bringt seine große Bewunderung in einer kleinen Lithographieserie zum Ausdruck, in der er fünf Blätter Marcelle Lender widmet.
Dargestellt in schräger Untersicht sieht man die leicht nach vorne geneigte Schauspielerin mit ihrem charakteristischen roten Haar. Ihr offenherziges Dekolleté, der aufwendige Kopfputz sowie das stark geschminkte Gesicht verweisen auf die bunte Welt des Varietés. Die großen, kontrastreich gesetzten Farbflächen stehen neben schwungvoll ausgeführten Strukturen. Gesicht und Dekolleté zeigen den unbedruckten Papierton. In dieser meisterlichen Beherrschung der lithographischen Drucktechnik, bei der auf einer glatten Steinoberfläche die freie Pinselführung möglich ist, zeigt Toulouse-Lautrec sein ganzes Können.
Ein wichtiger Unterstützer dieser modernen Kunst ist Julius Maier-Graefe, einer der Mitbegründer der Jugendstilzeitschrift »Pan«. Als auf sein Bemühen hin diese Farblithographie von Marcelle Lender der Zeitschrift veröffentlicht wird, ist die deutsche Leserschaft ob der Frivolität der Darstellung wenig begeistert. Julius Maier-Graefe wird gar der Rückzug aus der Redaktion nahegelegt. Die nachfolgende Künstlergeneration jedoch greift begeistert Toulouse-Lautrecs Kunst auf.
Werkdaten
- Inventarnummer: LG-603
- Material / Technik: Farblithografie auf Papier
- Creditline: Dauerleihgabe aus Privatbesitz