Für sein Gemälde »Lesender und Frau mit Schale« nutzt Willi Baumeister eine stark reduzierte Formensprache. Um 1914 beginnt er, sich von einer abbildenden Darstellungsweise zu lösen. Als Ausgangspunkt dient ihm hier ein von Braun- und Beigetönen geprägter Bildgrund, den er mit weißer Farbe lasierend überlagert. Die dadurch entstehende pastellige Bildwirkung aus changierenden Farbflächen erinnert an das fantasievolle Spiel von Wolkenbildern. Indem Baumeister einige wenige Linien im Bildraum setzt, modelliert er die Farbflächen zu einem Ensemble geometrischer Formen, aus denen die Bildgegenstände hervortreten. Anders als in früheren Arbeiten formuliert er die Bildgegenstände nicht aus, sondern belässt sie als Andeutung. Auf diese Weise gelingt es ihm, die gezeigte Figurenkomposition in ihre substanziellen Elemente aufzulösen. Diese Tendenz zur Abstraktion kennzeichnet das Ende von Baumeisters frühester Schaffensperiode und legt den Grundstein für seine Entwicklung zur gegenstandslosen Kunst. Sie erreicht in seinen »Mauerbildern« einen ersten Höhepunkt, der ihm in den 1920er-Jahren zum internationalen Durchbruch verhilft.
Werkdaten
- Inventarnummer:
- O-2603
- Material / Technik:
- Öl auf Karton
- Creditline:
- Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
Foto: Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart, Stuttgart