Das Einzelporträt »Knabenkopf« zeigt einen nicht näher bekannten Jungen. Rudolf Schlichter positioniert ihn leicht abgewandt von den Betrachter:innen. Er blickt zur rechten Seite aus dem Bild heraus. Seine Jacke erinnert an eine Militäruniform. Sie wirkt unförmig und überdimensioniert. Wahrscheinlich gehört sie eigentlich einer älteren Person. Formal steht der zeichnerisch stark ausformulierte Kopf im Kontrast zu dem mit nur wenigen Strichen angedeuteten Oberkörper.
Das Porträt bildet eine der wenigen Konstanten in Schlichters stilistisch wie thematisch wechselhaften Gesamtwerk. Insbesondere seit seinem Umzug nach Berlin im Jahr 1919 beginnt er, Weggefährten und andere für ihn wichtige Personen zu porträtieren. Darunter befinden sich Akteure aus Kunst, Literatur, Theater und Politik. Die diagonale Positionierung der Personen im Bildraum sowie ein seitlich aus dem Bild herausschauender Blick sind dabei wiederkehrende Merkmale. Schlichters Interesse gilt dabei vor allem, das jeweils prägnante in der äußeren Erscheinung der Porträtierten herauszuarbeiten. Darin besteht eine grundsätzliche Nähe zur seit der Antike entwickelten Lehre der »Physiognomik«. Diese erhebt den heute als problematisch verstandenen Anspruch, allein aufgrund der äußerlichen Erscheinung eines Menschen Aussagen über dessen Charakter, Intelligenz und andere Eigenschaften treffen zu können. Als theoretisches Konzept bildet sie auch eine der Grundlagen für die Rassenideologie der Nazis.
Werkdaten
- Inventarnummer: Z-1272
- Material / Technik: Bleistift auf Papier
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© Galerie Alvensleben / Foto: Kunstmuseum Stuttgart