Mit expressivem Duktus und kräftigen Linien entwickelt Romane Holderried Kaesdorf eine surreale Raumsituation. Ein überlebensgroßes Wesen nimmt nahezu die gesamte Höhe des dargestellten Raumes ein und überragt alle anderen Figuren, die sich dort bewegen. Neugierig betrachtet es Teile seines Körpers. Mit seinen vielen Gliedmaßen erinnert es an die indische Göttin Durga, die »Schwer zu Begreifende«. Auch die physikalischen Gesetze innerhalb des Raumes scheinen aufgehoben: Ein Turm aus Bauklötzen schwebt über den ausgestreckten Händen einer Frau der zum Himmel geöffneten Zimmerdecke entgegen. Nahe der Bildmitte öffnet sich ein fensterartiges Portal, aus dem eine Hand und ein Fuß wie aus einer anderen Welt in das Zimmer hineintreten. Im Gegensatz zum übrigen Bildraum wirken sie auffallend plastisch. Am unteren Bildrand lacht sich eine Frau ins Fäustchen. Sie trägt die Züge Holderried Kaesdorfs.
Nach ihrem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart kehrt Kaesdorf 1944 in ihre Geburtsstadt Biberach an der Riß zurück. Dort hat sie fortan ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. In ihren Werken bedient sie sich eines eigensinnigen Zeichensystems, um mit tradierten Sehgewohnheiten zu brechen und vermeintlich Banales ins Humorvoll zu verkehren. Zu diesem Zweck lässt sie ab dem Ende der 1960er Jahre Figuren wie auf dem hier gezeigten Blatt mit ihren eigenen Gliedmaßen interagieren.
Werkdaten
- Inventarnummer: Z-0846
- Material / Technik: Farbstift und Bleistift auf Papier
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© Nachlass Romane Holderried Kaesdorf / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart