Tesfaye Urgessa zeigt einen warm getönten Raum voller Körperteile und Haltungen. Dabei wird unsere Aufmerksamkeit auf das expressionistische Gesicht gelenkt, das frontal aus der rechten Bildhälfte blickt. Obwohl es abstrakt in Fliedertönen, Senfgelb und Hellrosa gehalten ist, wirkt es doch lebensnah. Der Oberkörper ist dagegen in seiner Anatomie weder naturalistisch noch vollständig wiedergegeben. Auch der lange Arm, der in die linke Bildhälfte ausgreift, stimmt in den Proportionen nicht mit dem Körper und dem Gesicht überein. So wird klar, dass es Urgessa nicht um die Wiedergabe einer tatsächlichen Person geht, sondern um die Darstellung des Körpers als künstlerische Herausforderung. Das Bild eines Hinterkopfs, das der lange Arm in der Hand hält, veranschaulicht in diesem Sinn das Nachdenken, wenn wir uns vorstellen, dass der Kopf auf ein Blatt schaut. Und so finden sich dann eine ganze Reihe von Armen, Beinen, Händen und Körpern, aber auch Köpfe im Bildraum verteilt. Sie alle sind alle mehr oder weniger stark abstrahiert wiedergegeben. Die Abstraktion reicht bis zu maskenhaften Gesichtern in der linken unteren Bildhälfte oder den in die Farbe eingeritzten Umrisslinien der Hand oben rechts.
Urgessa beschäftigt sich in seiner Malerei vorrangig mit der Konstruktion menschlicher Körper. Sie stehen nie allein für sich, sondern sind etwa mit der Geschichte von Rassismus und anderen Gewalterfahrungen oder der Suche nach Identität verknüpft. Gleichzeitig bindet er seine Kunstkörper in eine Auseinandersetzung mit der europäischen Kunstgeschichte ein. So erinnern die Körperteile in »Ich halte Dich fest halten 1« an die Malerei Francis Bacons. Der grammatikalisch leicht inkorrekte Bildtitel ist dagegen eine Erfindung von Urgessas Tochter.
Werkdaten
- Inventarnummer: 2020-010
- Material / Technik: Öl auf Leinwand
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© Tesfaye Urgessa / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart