Was macht die Linie zur Linie? Nach mathematischer Auffassung ist die Linie ein »zusammenhängendes, eindimensionales geometrisches Gebilde ohne Querausdehnung«. Mit Linienkunst wiederum verbindet man im Allgemeinen die Zeichnung oder druckgrafische Techniken wie den Holzschnitt oder den Kupferstich. Anton Stankowski hingegen erprobt in diesem Temperabild die Gestaltung von Linien mit malerischen Mitteln, sprich: durch Einsatz des Pinsels. Mit diesem hat er die Linien nicht direkt aufs Papier gemalt, sondern breite, horizontale Streifen vornehmlich aus dem Spektrum gedeckter, erdhafter Naturfarben dicht an dicht aufgetragen. Linien entstehen zum einen durch Weglassen der Farbe, indem etwa der weiße Bildgrund in der Bildmitte als dünne weiße Aussparung hervortritt. Vor allem aber ergeben sich Linien durch Farbmischung an den Schnittflächen der einzelnen Pinselbahnen. Doch aufgrund des lasurhaften, transparenten Farbauftrags fransen die Linien aus oder zerfließen, so als wolle Anton Stankowski den künstlerischen Beweis antreten, dass die Linie im Widerspruch zur mathematischen Definition durchaus über eine »Querausdehnung« verfügt.
Werkdaten
- Inventarnummer: 2022-312
- Material / Technik: Temperalasur auf Papier
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart, Schenkung der Stankowski-Stiftung
Lizenzhinweis
© Stankowski-Stiftung / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart