Die Radierung »Die Kopistin« entsteht, während Gerda Brodbeck an einem Ölgemälde desselben Motivs und Titels arbeitet. Sie zeigt eine ältere Frau im Malerkittel, mit Brille und unter einer Kopfbedeckung verborgenem Haar. Auf einem schlichten Holzstuhl sitzend, wendet sie sich konzentriert ihrer Staffelei zu. Mit rechts führt sie einen Pinsel zur Leinwand und hält in der linken Hand weitere Pinsel. Ihr Kopierinteresse gilt dem berühmten Gemälde »Der Falschspieler mit dem Karo-Ass« von Georges de La Tour. Entstanden um 1620, zeigt es prächtig gekleidete Menschen in einem aufgeladenen Moment: Ein junger Mann wird von den anderen, die sich verdächtige Blicke zuwerfen, beim Kartenspiel hintergangen. Es hängt im Pariser Louvre, wo Brodbeck es während ihrer Aufenthalte in Paris gesehen haben dürfte.
Die Künstlerin verweist mit ihrer Radierung nicht nur auf das Original, sondern auch auf die Praxis des Kopierens selbst. Bereits de La Tour kopierte sein eigenes Werk, indem er eine zweite Version des Gemäldes schuf. Interessanterweise stellt Brodbeck die Künstlerin und ihr Arbeitsgerät nur als zarte Konturlinien dar, während das Gemälde detailliert und präzise ausgearbeitet ist. Dadurch entsteht ein spannender Kontrast: Die Kopistin bleibt flüchtig, fast skizzenhaft, während das kopierte Meisterwerk in all seiner barocken Pracht erscheinen darf. Darin liegt die Reflexion über das Verhältnis von Original und Reproduktion. Es ist aber auch ein subtiler Hinweis darauf, dass die künstlerische Auseinandersetzung wichtiger ist als die materielle Präsenz der Künstlerin.
Werkdaten
- Inventarnummer: R-2288a
- Material / Technik: Radierung auf Papier
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© Nachlass Gerda Brodbeck / Foto: Kunstmuseum Stuttgart