Seinen »Blick vom Roßberg« hält Rudolf Schlichter als präzise Federzeichnung fest. Hoch oben auf dem titelgebenden Berg stehend schauen auch wir Betrachter:innen über einen Wald. Dicht gedrängten Laub- und Nadelbäume erstecken sich bis hinunter in ein weitläufiges Tal. Dort wird der Baumbestand allmählich lichter und gibt den Blick auf eine flache Ebene frei. Im Hintergrund verläuft eine Bergkette bis zum Horizont. Die Natur scheint vollkommen unberührt zu sein. Auch Anzeichen menschlicher Anwesenheit und Einflussnahme, wie etwa Gebäude, sind nicht zu erkennen. Der zeichnerisch sehr detailliert ausformulierte untere Bildteil steht dabei im Kontrast zum nahezu leeren Papier im oberen Bilddrittel. Hierdurch entsteht die Empfindung von Luftigkeit und Weite des Himmels über dem dicht bewachsenen Land.
Ausgehend von den politischen Umwälzungen ab 1933 treibt Schlichter eine Neuausrichtung seiner Kunst voran. Christliche Motive und Landschaftsdarstellungen im Stil eines altmeisterlichen Realismus prägen nun seine Arbeiten. Vor allem die Schwäbische Alb wird, wie hier, zum wichtigen Bildthema. Trotz anfänglicher künstlerischer Anbiederungsversuche an das nationalsozialistische Regime eckt Schlichter wiederholt an. 1938 wird er wegen »unnationalsozialistischer Lebensführung« von der Gestapo inhaftiert. Zuvor werden bereits mehrere seiner Werke aus Museen entfernt. Um den Drangsalierungen zu entgehen, siedelt er 1939 mit seiner Frau von Stuttgart nach München über.
Werkdaten
- Inventarnummer: Z-2029
- Material / Technik: Feder auf Papier
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
© Galerie Alvensleben / Foto: Kunstmuseum Stuttgart