In »Bedrohte Frucht« thematisiert Julius Bissier den Gegensatz von bedroht und beschützt sein. Ein dreiteiliger Kern wird von einer Hülle umgeben, auf deren Öffnung ein dynamischer Pfeil zielt. Der Abdruck eines Korkstempels findet sich seit etwa 1934 in Anlehnung an das Siegel der fernöstlichen Tuschmaler in Bissiers Arbeiten und ist ein kompositorisch wichtiges Detail.
Im Entstehungsjahr 1946 spiegelt sich im Bildtitel durchaus auch Julius Bissiers Lebenssituation. Während des Nationalsozialismus verliert er seinen Lehrauftrag an der Freiburger Universität. Ohne Ausstellungsmöglichkeit und mit großen Existenzängsten zieht er sich 1939 nach Hagnau am Bodensee in eine ungewisse Zukunft zurück.
Bissiers Interesse an fernöstlicher Philosophie und Kunst wird 1919 geweckt, als er den Freiburger Japanologen Ernst Grosse kennenlernt. Beides wird ihn von nun an sein Leben lang beschäftigen. Im Laufe der 1920er-Jahre sind die Werke von Julius Bissier jedoch noch ganz vom Stil der Neuen Sachlichkeit mit ihrer meist kühlen Konzentration auf das Gegenständliche geprägt. Entscheidend für seine künstlerische Entwicklung sind die Begegnungen mit Willi Baumeister 1929 und mit Constantin Brâncuși im folgenden Jahr. Bissier sieht sich in seinen Zweifeln an der gegenständlichen Malerei bestätigt und findet nun den Weg in die Abstraktion. Er entwickelt eine eigene Bildsprache, bei der symbolhafte Zeichen sinnblich Gegensätze veranschaulichen. Leben – Tod, männlich – weiblich, bedroht – beschützt werden einander gegenübergestellt. Die Thematik des Beschützens wird beispielsweise durch ein Gefäß, etwas Inneres und Äußeres, zum Ausdruck gebracht.
Werkdaten
- Inventarnummer: Z-0460
- Material / Technik: Tusche und Deckweiß auf Papier
- Creditline: Kunstmuseum Stuttgart
Lizenzhinweis
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